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Leben in der Ostsee

Sieht man in der Ostsee überhaupt etwas?“

Falckensteiner StrandWenn ein Ostseetaucher sich einmal in die große weite Welt aufmacht, ist dies wohl die häufigste Frage, die ihm gestellt wird.
Die zweithäufigste ist die nach der Temperatur...
Die Temperaturen der Ostsee von 0 bis maximal 20 Grad Celsius erfordern leider immer einen 7mm Neoprenanzug mit Handschuhen und Kopfhaube zum Tauchen. Vor allem, weil es in einigen Metern Tiefe in der Regel eine Temperatursprungschicht gibt, unter der es definitiv kälter als an der Oberfläche ist. Die Sichtweiten unter Wasser sind Wind- und Wetterabhängig und variieren von einem halben bis einigen Metern. Wobei man aber auch Glück und bis zu

10m Sichtweite haben kann, besonders im Winter wenn kein Plankton wächst. Zugegeben, es kommt kein großer Zackenbarsch, keine Schildkröte und kein Hai vorbei, die Sicht ist manchmal eingeschränkt und die Farben sind insgesamt etwas gedeckter, aber auch die Ostsee braucht sich nicht zu verstecken. Es gibt viel zu entdecken!

 

Die meistbesuchtesten Tauchplätze der TUK e.V. sind der Falckensteiner Strand und Strande/Schilksee in der Kieler Förde, aber auch Surendorf in der Eckernförder Bucht und Gammel Aalbo in der Nähe von Kolding am kleinen Belt in Dänemark.

Was kann man dort beim Tauchen sehen ?

Beim Tauchen von Land aus wird man nach dem Abtauchen im Flachwasser in der Regel auf Sand und eine mehr oder weniger ausgedehnte Seegraswiese stossen. Bei den Seegräsern (Zostera spec.) handelt es sich um marine Blütenpflanzen und keine Algen! Sie treten im Frühjahr und Sommer auf und bieten Lebensraum für viele andere andere Pflanzen und Tiere.

Vom Flachwasser bis in einigen Metern Tiefe kann man auf Miesmuschelbänke treffen. Die Miesmuschel (Mytilus edulis) ist mit max. 10 cm bei uns aufgrund des geringeren Salzgehaltes der Ostsee deutlich kleiner als z.B. in der Nordsee. Auf diesen Miesmuschelbänken thronen die Seesterneunterschiedlich gefärbten Seesterne (Asterias rubens), die sich hauptsächlich von Miesmuscheln ernähren.

Andere Muschelarten leben im Sand eingegraben, wie z.B. die Herzmuschel (Cardium spec.) oder die Sandklaffmuschel (Mya arenaria), deren Siphone aus dem Sand gucken. Auf dem Sand liegen meist nur die leeren Schalen dieser Muscheln herum.

Während Muscheln zwei Schalen besitzen, haben Schnecken nur ein Gehäuse: Die häufigste ist hier die Strandschnecke (Littorina spec.). In Gammel Aalbo auch die Wellhornschnecke.

Die kleinen Dinge machen das Leben bunt. In der Ostsee sind dies die Nacktschnecken. Im Gegensatz zu ihren Verwandten an Land sind die Meeresnacktschnecken in der Regel schön gefärbt. Bei uns kommen u.a. die weiß/rosa Fadenschnecke (Flabellina spec.) oder die grüne Samtschnecke vor.

Der häufigste Krebs (Crustacea) der einem über den Weg läuft ist die gemeine Strandkrabbe (Carcinus maenas), aufgrund ihrer Fortbewegungsrichtung auch Dwarrslöpper (Querläufer) genannt. Geht man gegen Abend ins Wasser oder unternimmt einen Nacht-Tauchgang zeigen sich die verschiedene Garnelenarten wie die Ostseegarnele, Nordseegarnele oder die hübsche Felsgarnele.

In Gammel Aalbo gibt es noch zusätzlich die Einsiedlerkrebse (Pagurus spec.), die in Schneckenhäusern leben und die gut getarnten langbeinigen Gespensterkrabben.

Im freien Wasser schwebt häufig die Medusen(Quallen-)form der Nesseltiere (Stamm Cnidaria) vorbei: Zum einen gibt es die fliegenden Untertassen mit kurzen Tentakeln und den vier lila Ringen in der Mitte, welches Geschlechtsorgane sind. Dabei handelt es sich um die sehr häufige und harmlose Schirmqualle Aurelia aurita, die Ohrenqualle.

Die mal mehr und mal weniger häufige rot/gelb gefärbte Feuerqualle (Cyanea capillata) trägt dagegen den Namen Nesseltier zu Recht. Mit ihren bis zu 2m langen Tentakeln erwischt sie eigentlich jeden Ostseetaucher irgendwann einmal. Dadurch dass die Tentakeln am Anzug kleben bleiben, hat man dazu auch noch die Möglichkeit an Land mit ihr Bekanntschaft zu schliessen ! Sie vermehrt sich übrigens nicht in der Ostsee, gelangt aber bei bestimmten Einstromverhältnissen über den Skagerak hierher.

Und dann gibt es noch die freischwimmenden durchsichtigen Körper mit 8 meridian verlaufenden Reihen von Wimperplättchen der Rippenquallen (Stamm Ctenophora). Zum einen die etwa 2cm große runde Seestachelbeere (Pleurobrachia pileus) mit langen Tentakeln und die bis 15 cm große Melonenqualle (Beroe cucumis) ohne Tentakeln.

Und neuerdings auch Mnemiopsis leidy, die Meerwalnuss. Diese wahrscheinlich mit Ballastwasser eingeschleppte Art wurde 2006 das erste Mal in der Ostsee gesichtet.

Es lohnt sich die Rippenquallen einmal anzuleuchten !!!

Verwandt mit den Quallen sind die Blumentiere (Klasse Anthozoa). Sie gehören ebenfalls zum Stamm der Nesseltiere, haben aber kein Medusenstadium in ihrem Lebenszyklus. Die festsitzenden Polypen können einzeln als auch koloniebildend sein und sind oft groß und auffällig. Zu den Seeanemonen zählen z.B. die gelben Seenelken mit über 400 Tentakeln, die plumper wirkenden Seedahlien mit wenigeren, aber dickeren Tentakeln, die Zylinderrose, Schlammrose usw.

Fisch gibt’s auch:

Im Seegras sind mit geübtem Auge recht häufig die langgestreckten Seenadeln (Syngnathidae) zu finden, wobei es welche mit (Grasnadel, große und kleine Seenadel) und welche ohne Brust- und Schwanzflosse (Kleine und Große Schlangennadel) gibt. Diese Fische sind übrigens mit den Seepferdchen verwandt, die es bei uns allerdings nur im Aquarium gibt.

Zwischen Seegras oder Tangen kann man auch auf Stichlinge treffen. Zum einen auf den bis 17 cm groß werdenden Seestichling (Spinachia spinachia), der einzeln und in kleinen Trupps vorkommt und reines Salzwasser liebt (von Kiel nordwärts). Zum anderen den bis zu 10 cm großen dreistacheligen Stichling (Gasterosteus aculeatus) der eher in Häfen und ruhigen Buchten häufig ist.

Grundeln sind überall sehr häufig. Die verschiedenen Arten (Schwarz-, Sand-, Strand- und Fleckengrundel) sehen sich sehr ähnlich und leben bis auf die Schwimmgrundel im Flachwasser auf dem Grund. Die Schwimmgrundel ist wie der Name schon sagt, freischwimmend, häufig in größeren Schwärmen in der Seegrasregion. Auffällig ist der schwarze Fleck am Schwanzflossenansatz.

Klippenbarsch (Ctenolabrus rupestris): sehr häufig, besonders in Surendorf und in Strande an der Mole, überall verstreut, tagaktiv, 0-20 m, Algenzone, bis 18 cm, braun, Unterseite heller, besonders gut am dunklen Fleck am oberen Rand des Schwanzstiels zu erkennen. Art der Roten Liste ???

Butterfisch (Pholis gunellus): vereinzelt, oft in Strande zu sehen, in Algenregion, in 1 - 40m Tiefe, langgestreckter Körper, kleiner Kopf, schräges Maul, bis 24 cm, zu erkennen an den 9-13 schwarzen, weißgesäumten Flecken auf dem Rücken, die zusammenhängende Rückenflosse ist sehr lang

Aalmutter (Zoarces viviparus): häufiger zu sehen, Seegrasregion, 4-10 m, aalähnlicher Körper bis etwa 40 cm, lange Rückenflosse vereinigt sich mit Afterflosse zu durchgängigem Flossensaum, deutliche Einkerbung in Rückenflosse kurz vor Hinterende, gut entwickelte Brustflossen, Maul dicklippig. Im Ganzen massiger als der Butterfisch.

Steinpicker (Agonus cataphractus) : vereinzelt, überall, großer Kopf, schlanker Schwanzstiel, Kopfunterseite mit zahlreichen kurzen Barteln, Körper mit Knochenplatten gepanzert

Seeskorpion (Myoxocephalus scorpius) : Algenzone, häufig zwischen Pflanzen und Steinen, leicht zu übersehen, da gut getarnt, bis 20 cm (Weibchen größer), Vorderkiemendeckel mit zwei Stacheln, Maul ohne Bartfäden, Seitenlinie ohne Knochenhöcker

Seebull (Taurulus bubalis): seltener zu entdecken als Seeskorpion, 3-4 Stacheln am

Vorderkiemendeckel, 1-2 Maulbarteln, Knochenhöcker auf Seitenlinie

Seehase (Cyclopterus lumpus): 20-200m. Bis 55 cm, Körper groß, plump, 4 Reihen von

Knochenhöckern, verleihen ihm fünfeckiges Aussehen, ohne Schuppen, Saugscheibe auf dem Bauch. Auch als deutscher Kaviar bekannt. Selten und nur mit viel Glück zu entdecken. Es gibt Menschen, die haben auch nach hundert Ostsee-TG noch keinen gesehen. Im Frühjahr in Gammel Aalbo bestehen Chancen, da der Seehase in dieser

Zeit zum Laichen in flacheres Wasser (10-30m) kommt. Kleine Jungfische sind im Sommer schon im wenige Meter tiefen Wasser am Grund gesichtet worden, auch z.B in Strande.

Plattfische liegen meist eingebuddelt im Sand, sind aber mit gutem Auge und etwas Übung häufiger zu entdecken. Es sind ausgesprochene Grundfische (ohne Schwimmblase) und Bodentierfresser. Die Oberseite = Augenseite ist stets dunkler gefärbt, die Unterseite (Blindseite) hell. Im Laufe der Entwicklung von der Larve zum adulten Tier wandert ein Auge über den Rücken zur „oberen“ Seite.Scholle

Flunder und Scholle (auch Goldbutt) sind beim Tauchen relativ schwer voneinander zu unterscheiden, wobei die brackwassertolerantere Flunder in Ufernähe häufiger vorkommt. Mit viel Glück trifft man auch mal auf einen Steinbutt. Auffällig ist seine rundliche Form und die unregelmäßig verteilten Knochenhöcker.

Erst ab einigen Metern Tiefe gibt es „Großfisch“ ! Bis vor einigen Jahren häufiger zu sehen war hier der Dorsch (Gadus morrhua). Grundfisch, eher in Falckenstein oder in Gammel Aalbo als Strande. Raubfisch. Nahrungssuche nach Tobiasfischen (= kl. Sandaal = Sandspierling) und kleinen Wittlingen mehr über dem Boden. Höherstehend bei Verfolgung von Heringsschwärmen. Stets 3 Rückenflossen mit weichen Flossenstrahlen, kehlständige Bauchflossen, 2 Afterflossen nacheinander, unterständiges Maul, kräftiger auffälliger Bartfaden, gebogene weiße Seitenlinie. Die größere laichreife Form in der Nordsee wird auch Kabeljau genannt (bzw. über diese Namensgebung streiten sich die Geister).

Dem Europäischer Flußaal (Anguilla anguilla) begegnet man im flachen Wasser zwischen Steinen, Seegrasbänken und Tangfeldern bei Nacht-Tauchgängen oder bei dunklem Wetter.

In Gammel Aalbo, Dänemark ist der Salzgehalt der Ostsee etwas höher. Man bemerkt dies unter anderem auch daran, dass man mehr Auftrieb hat und evtl. ein halbes Kilo mehr Blei als in der Kieler Förde braucht. Auffällig im Vergleich mit unseren „Haus“-Tauchplätzen in der Kieler Förde sind hier die grossen, meterlangen Brauntange (Laminarien) und die gelben Seenelkenfelder und orangenen Seescheidenfelder. Auf und zwischen den Tangen und Steinen sitzen die mit Pflanzenresten getarnten Seeigel.

Das waren jetzt die Arten und ihre markantesten Merkmale und Besonderheiten, von denen man die eine und/oder andere bei einem normalen Tauchgang bei uns sehen kann. Die Beschreibung hier ist rein subjektiv gewichtet und erhebt überhaupt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Ich hoffe, der Blick ist geschärft........ Bei solch einer Artenvielfalt, sind die ab und zu vorbeikommenden 15 m langen Finnwale (Sommer 2003) und die vielen per Boot erreichbaren Wracks ja fast nicht der Rede wert.......

Viel Spaß beim Abtauchen und Entdecken !

P.S.: Wer Lust bekommen hat, sich näher mit den Tieren und Pflanzen in der Ostsee zu beschäftigen kann sich an Dirk Fleischer oder Matthias Schaber vom Projekt TaMOs - Taucher-Monitoring der Ostsee Schleswig-Holsteins wenden: www.tauchmonitor.de

 

 

Rita Jansen
Dipl.-Biologin und VDST/CMAS TL2

 

 

Literatur:

SCHAEFER M (1992): Brohmer, Fauna von Deutschland
RHEINHEIMER G (Hrsg.) (1995): Meereskunde der Ostsee, 2. Aufl.
LOZÀN et al. (1996): Warnsignale aus der Ostsee
CAMPELL A (1987): Der Kosmos-Strandführer (Das lebt im Meer an Europas Küsten)
KØIE, KRISTIANSEN, WEITEMEYER (2001): Der große Kosmos Strandführer (Tiere und Pflanzen in Nord- und Ostsee)
JONAS Peter (1997): Unterwasser-Welt Ostsee
SCHMIDT-LUCHS (1974): Das Angeln im Meer vor westdeutschen Küsten, 2. Band Angelplätze an der Küste und auf See
REHBRONN E (2002): Handbuch für den Angelfischer, Die Fischereiprüfung in Frage und Antwort